Trennung: Wenn dein inneres Kind übernimmt

Inneres Kind bei Trennung: Wenn alte Wunden aufbrechen

Eine Trennung findet im Hier und Jetzt statt. Und trotzdem fühlt sich das, was sie in uns auslöst, manchmal viel größer an als die aktuelle Situation. Da ist plötzlich diese unglaubliche Angst, verlassen zu werden. Die Panik, alleine zu sein. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Oder eine Wut, von der du selbst denkst: Warum trifft mich das gerade so verdammt hart? Genau dann lohnt es sich, nicht nur auf das zu schauen, was gerade im Außen passiert. Denn eine Trennung kann alte Verletzungen berühren, die schon sehr viel länger in uns liegen. In unserem Podcast Starke Trennungskinder haben wir darüber mit Stefan Peck gesprochen. Stefan begleitet seit vielen Jahren Menschen in der Arbeit mit ihrem inneren Kind und war übrigens auch der Mensch, bei dem ich selbst der kleinen Susanne zum ersten Mal begegnet bin. Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass diese Arbeit später einmal ein wichtiger Bestandteil meiner eigenen Begleitung von Menschen in Trennung werden würde.

Was ist das innere Kind eigentlich?

Stefan nutzt dafür ein Bild, das ich sehr passend finde: Stell dir vor, du sitzt als erwachsener Mensch am Steuer deines Lebens. Du hast inzwischen 30, 40 oder 50 Jahre Lebenserfahrung und grundsätzlich die Fähigkeit, Situationen einzuordnen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Auf der Rückbank sitzt jedoch das Kind, das du einmal warst, mit all seinen Erfahrungen, Gefühlen und dem, was es früh über Beziehungen gelernt hat. Und dann passiert etwas. Dein Partner trennt sich. Eine Nachricht deines Ex-Partners kommt. Du fühlst dich zurückgewiesen oder hast Angst, eure Kinder zu verlieren. Plötzlich klettert dieses Kind von der Rückbank nach vorne und übernimmt das Lenkrad. Dann reagiert nicht mehr nur dein erwachsenes Ich auf die aktuelle Situation. Da reagiert vielleicht ein Teil in dir, der irgendwann gelernt hat: Ich bin nicht sicher. Ich werde verlassen. Ich bin nicht gut genug. Ich muss etwas tun, damit ich geliebt werde. Ich darf die Verbindung nicht verlieren. Genau diese frühen Erfahrungen können beeinflussen, wie wir heute auf Beziehungen, Konflikte und Trennungen reagieren.

Warum eine Trennung alte Verletzungen aktiviert

Eine Trennung ist eine enorme Stresssituation. Plötzlich müssen unglaublich viele Dinge gleichzeitig geregelt werden: Wo werde ich wohnen? Wie geht es finanziell weiter? Wann sind die Kinder bei wem? Wie erzählen wir es ihnen? Was passiert mit unserem Zuhause? Gleichzeitig laufen Trauer, Wut, Angst und vielleicht auch Schuldgefühle mit. Stefan beschreibt, dass unser Gehirn gerade bei einem hohen Stresslevel verstärkt auf bekannte Reaktionsmuster zurückgreift. Und bekannt ist eben auch das, was wir sehr früh gelernt haben. Deshalb können alte Muster gerade während einer Trennung plötzlich mit voller Wucht auftauchen. Vielleicht weißt du rational, dass du diese Situation bewältigen wirst und fühlst dich trotzdem völlig hilflos. Vielleicht merkst du selbst, dass deine emotionale Reaktion viel größer ist als das, was gerade passiert. Genau dann lohnt sich die Frage: Reagiert hier gerade ausschließlich die erwachsene Frau oder der erwachsene Mann in mir? Oder ist da vielleicht auch ein jüngerer Anteil, der gerade richtig Angst hat?

Wenn deine Reaktion größer ist als die Situation

Das bedeutet nicht, dass jede Angst während einer Trennung aus deiner Kindheit kommt. Es gibt reale Ängste. Finanzielle Sorgen können real sein. Die Sorge um eure Kinder kann real sein. Auch Konflikte mit dem anderen Elternteil können sehr real sein. Trotzdem können diese Situationen gleichzeitig etwas Altes in dir berühren. Und genau diese Differenzierung ist wichtig. Wenn du merkst, dass du in eine emotionale Überforderung rutschst, dein Körper stark reagiert oder du das Gefühl hast, überhaupt nicht mehr klar denken zu können, dann geht es nicht darum, dich dafür zu verurteilen. Es geht darum, wahrzunehmen: Da passiert gerade etwas in mir. Denn erst wenn du das bemerkst, kannst du beginnen herauszufinden, was du eigentlich brauchst.

In der Trennung musst du nicht nur funktionieren

Gerade nach einer Trennung richtet sich der Blick fast automatisch nach außen. Es gibt unglaublich viel zu organisieren und besonders Eltern denken sofort an ihre Kinder. Wie geht es ihnen? Was brauchen sie? Wie können wir ihnen Sicherheit geben? Das ist wichtig. Aber genau dabei wird etwas Entscheidendes schnell vergessen: dich selbst. Wenn du völlig überfordert bist, emotional kaum noch Oberwasser hast und dein Nervensystem permanent auf Hochtouren läuft, wird es verdammt schwer, euren Kindern Sicherheit zu vermitteln. Deshalb nutze ich gerne das Bild aus dem Flugzeug: Wenn die Sauerstoffmasken herunterfallen, setzt du zuerst deine eigene Maske auf. Nicht weil die anderen Menschen unwichtig sind, sondern weil du ihnen erst helfen kannst, wenn du selbst wieder Luft bekommst. Genau das gilt auch während einer Trennung. Sich um dich zu kümmern ist kein Egoismus. Es gehört zu deiner Verantwortung als Elternteil.

Selbstregulation ist mehr als ein Notfalltool

Was kannst du also tun, wenn du mitten in einer emotionalen Reaktion steckst? Stefan ist an dieser Stelle sehr klar: Es gibt nicht das eine Tool, das für jeden Menschen funktioniert. Für den einen hilft Bewegung. Schütteln, Sport, rausgehen. Für einen anderen ist es genau das Gegenteil: hinsetzen, still werden und wahrnehmen, was gerade passiert. Atemtechniken können helfen, Meditation kann helfen und manchmal braucht es schlicht einen Menschen, mit dem du sprechen kannst. Entscheidend ist, herauszufinden, was deinem System tatsächlich hilft. Gleichzeitig reicht es nicht, nur dann etwas zu tun, wenn das innere Kind längst das Lenkrad übernommen hat. Selbstregulation ist keine reine Symptombekämpfung. Die spannendere Frage lautet: Warum reagiert etwas in mir überhaupt so stark? Was glaubt dieser Anteil gerade? Dass ich alleine bin? Dass ich nicht gut genug bin? Dass ich verlassen werde? Dass ich das alles nicht schaffen kann? Wenn du diese Muster kennst, kannst du beginnen, anders mit ihnen umzugehen.

Dein inneres Kind braucht heute dich

Als Kind warst du darauf angewiesen, dass Erwachsene deine Bedürfnisse wahrnehmen und dir Sicherheit, Verbindung und Wertschätzung geben. Heute bist du erwachsen. Und genau darin liegt etwas unglaublich Kraftvolles: Du kannst beginnen, dir selbst das zu geben, was dir damals vielleicht gefehlt hat. Du kannst wahrnehmen: Ich habe Angst. Ich fühle mich gerade allein. Ich fühle mich nicht gesehen. Und statt ausschließlich zu versuchen, dieses Gefühl über den Ex-Partner, die Kinder oder irgendeine Veränderung im Außen zu lösen, kannst du anfangen, dich dir selbst zuzuwenden. Das passiert nicht über Nacht. Innere Kindarbeit ist kein Drei-Termine-und-dann-bin-ich-fertig-Prozess. Stefan beschreibt sehr deutlich, dass Veränderung Kontinuität braucht. Und genau das finde ich wichtig, weil Persönlichkeitsentwicklung manchmal so verkauft wird, als müssten wir nur das richtige Tool finden und danach sei alles erledigt. So funktioniert es nicht. Wir putzen schließlich auch nicht vier Wochen unsere Zähne und entscheiden dann, dass das für den Rest unseres Lebens reichen muss. Warum sollten wir mit unserem emotionalen Wohlbefinden anders umgehen?

Eure Kinder spüren, wie es euch geht

Die Beschäftigung mit deinem inneren Kind betrifft nicht nur dich. Gerade eure Kinder nehmen sehr fein wahr, wie es euch geht. Sie merken Anspannung, Unsicherheit und Stress häufig lange bevor ihr darüber sprecht. Deshalb ist Selbstarbeit für mich immer auch ein Teil von Team Kind. Wenn du beginnst zu verstehen, warum bestimmte Situationen dich so stark treffen, kannst du anders reagieren. Du musst eure Kinder dann weniger unbewusst für deine Regulation benutzen. Du kannst ihre Gefühle besser bei ihnen lassen und deine Gefühle wieder zu dir nehmen. Und das bedeutet nicht, dass du zuerst jahrelang an dir arbeiten musst, bevor du euren Kindern ein sicherer Elternteil sein kannst. Veränderung beginnt bereits in dem Moment, in dem du wahrnimmst: Das hier gehört gerade zu mir. Ich kümmere mich darum.

Selbstverantwortung verändert den Blick auf die Trennung

Am Ende unseres Gesprächs mit Stefan sind wir bei einem Wort gelandet, das auch in meiner Arbeit eine riesige Rolle spielt: Selbstverantwortung. Denn wir können unglaublich viel Energie damit verbringen, darauf zu schauen, was der andere Elternteil falsch macht. Wenn er sich endlich anders verhalten würde. Wenn sie endlich vernünftig kommunizieren würde. Wenn mein Ex-Partner mich nicht ständig triggern würde, dann würde es mir besser gehen. Nur liegt genau darin die Falle. Selbstverantwortung bedeutet nicht, das Verhalten des anderen gutzuheißen. Du musst Grenzüberschreitungen nicht akzeptieren. Du musst nicht schön finden, wie dein Ex-Partner mit dir umgeht. Aber du kannst Verantwortung dafür übernehmen, was du mit dem machst, was dir begegnet. Und damit holst du etwas Entscheidendes zurück: deine Handlungsfähigkeit.

Du kannst den anderen nicht verändern, dich aber schon

Vielleicht liegt genau darin eine der größten Chancen einer Trennung. Nicht darin, dass eine Trennung schön wäre. Das ist sie häufig überhaupt nicht. Sondern darin, dass sie sichtbar macht, was vorher schon in uns war. Verlustangst. Bindungsmuster. Glaubenssätze. Das Bedürfnis nach Kontrolle. Die Angst vor Ablehnung. Das Gefühl, alles alleine schaffen zu müssen. Eine Trennung kann all diese Themen gnadenlos an die Oberfläche holen. Und dann hast du eine Entscheidung. Du kannst weiterhin darauf warten, dass das Außen sich verändert. Oder du beginnst hinzuschauen: Was passiert eigentlich in mir? Was brauche ich? Woher kenne ich dieses Gefühl? Und wie möchte ich heute als erwachsener Mensch damit umgehen? Genau da beginnt Selbstbestimmung. Nicht weil du plötzlich kontrollieren kannst, was der andere tut, sondern weil du nicht mehr jedes Mal dein Lenkrad aus der Hand geben musst, wenn im Außen etwas passiert.

Innere Kindarbeit ist auch Team Kind

Wenn du möchtest, dass eure Kinder möglichst sicher durch eure Trennung gehen, dann lohnt es sich, nicht ausschließlich auf eure Kinder zu schauen. Schau auch auf dich. Denn eure Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Erwachsene, die bereit sind, Verantwortung für ihre eigenen Themen zu übernehmen. Erwachsene, die merken können: Das ist gerade meine Angst und nicht die meines Kindes. Das ist meine Verletzung. Mein Gefühl. Mein Thema. Und ich kümmere mich darum. Vielleicht ist genau das eines der größten Geschenke, das du eurem Kind während einer Trennung machen kannst: nicht zu erwarten, dass das Außen dich reguliert, sondern immer wieder den Weg zurück zu dir zu finden. Damit euer Kind später sagen kann: Ich hatte eine schöne Kindheit trotz der Trennung meiner Eltern.

Du möchtest deine eigenen Muster verstehen?

Vielleicht merkst du gerade, dass dich bestimmte Situationen während eurer Trennung immer wieder stärker treffen, als du eigentlich möchtest. Vielleicht weißt du sogar schon, dass alte Verletzungen, Glaubenssätze oder Bindungsmuster dabei eine Rolle spielen, aber du kommst alleine nicht richtig weiter. Genau da können wir gemeinsam hinschauen. In einem unverbindlichen Kennenlerngespräch schauen wir auf deine aktuelle Situation, darauf, was dich gerade festhält und welche Themen hinter deinen Reaktionen liegen könnten. Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, buch dir hier dein Kennenlerngespräch mit mir. Gemeinsam schauen wir, ob und wie ich dich auf deinem Weg begleiten kann.


Zurück
Zurück

Gemeinsamer Urlaub trotz Trennung: Geht das?

Weiter
Weiter

Geschwister nach Trennung: Halt ohne Verantwortung.