Kinder: Trauer nach Trennung begleiten
Trauer bei Kindern nach Trennung erkennen und begleiten
Vielleicht wirkt euer Kind nach der Trennung plötzlich anders. Leiser, zurückgezogener oder genau das Gegenteil ist der Fall: Es ist laut, wütend, unruhig und du merkst, da ist etwas, das du nicht ganz greifen kannst. Gleichzeitig bist du selbst mittendrin. In deinem eigenen Trennungsschmerz, im Organisieren, Funktionieren und irgendwie Weitermachen. Und trotzdem möchtest du euer Kind gut durch diese Zeit begleiten. Doch woran erkennst du überhaupt, dass euer Kind trauert? Denn Trauer sieht bei Kindern längst nicht immer so aus, wie wir Erwachsenen sie erwarten. Genau darüber haben wir in unserem Podcast Starke Trennungskinder mit Petra Berghaus gesprochen. Petra ist Trauerbegleiterin, Trauersängerin, Autorin und Erfinderin des Trosttigers. Sie begleitet Familien in intensiven Verlustsituationen und kennt Trennungstrauer auch aus ihrer eigenen Geschichte als Mutter.
Eine Trennung bedeutet Trauer
Wenn wir von Trauer sprechen, denken viele Menschen zuerst an den Tod eines geliebten Menschen. Aber wir trauern immer dann, wenn etwas verloren geht, das für uns von Bedeutung war. Und genau das passiert bei einer Trennung. Der gemeinsame Alltag verändert sich. Das bisherige Familienbild zerbricht. Vielleicht zieht ein Elternteil aus, das Zuhause verändert sich und plötzlich ist Mama oder Papa nicht mehr selbstverständlich jeden Tag da. Auch Eltern trauern. Um ihre Beziehung, um gemeinsame Zukunftspläne und häufig um das Familienleben, das sie sich für ihre Kinder gewünscht haben. Petra kennt beides. Sie hat ihre Mutter verloren und sich viele Jahre zuvor vom Vater ihrer damals noch kleinen Kinder getrennt. Im Gespräch beschreibt sie, dass sich die Trauer in beiden Situationen ähnlich angefühlt hat: Etwas zerbricht und zunächst scheint dieser Schmerz kaum auszuhalten zu sein. Genau davor haben viele Menschen Angst. Wenn ich diese Trauer wirklich zulasse, komme ich dann überhaupt wieder heraus? Doch Trauer bedeutet nicht, dauerhaft in ein schwarzes Loch zu fallen. Trauer und Freude können gleichzeitig existieren. Und gerade Kinder zeigen uns das immer wieder eindrücklich. Sie können in einem Moment bitterlich weinen und wenige Minuten später wieder spielen und lachen. Das eine macht das andere nicht weniger wahr.
Kinder trauern nicht immer mit Tränen
Einer der wichtigsten Punkte unseres Gesprächs mit Petra ist: Nur weil euer Kind nicht weint, bedeutet das nicht, dass es nicht trauert. Kinder zeigen Trauer auf sehr unterschiedliche Weise. Manche werden wütend. Andere ziehen sich zurück. Ein Kind möchte plötzlich nicht mehr mit seinen Freunden spielen, ein anderes nässt wieder ein, obwohl diese Phase längst vorbei war. Manche Kinder klagen über Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen. Deshalb lohnt es sich nach einer Trennung, nicht ausschließlich auf das Offensichtliche zu schauen, sondern Veränderungen im Verhalten eures Kindes wahrzunehmen. Wie war es vorher und wie ist es jetzt? Zieht sich euer Kind stärker zurück? Ist es ungewöhnlich aggressiv oder unruhig? Haben sich Schlaf, Essen oder soziale Kontakte verändert? Das bedeutet nicht, jedes Verhalten sofort auf die Trennung zurückzuführen. Aber es bedeutet, aufmerksam zu bleiben. Denn gerade stille Kinder können mit ihrer Trauer leicht übersehen werden.
Trauer versteckt sich häufig hinter Wut
Dieser Gedanke ist besonders wichtig, weil wir auf Wut häufig anders reagieren als auf Tränen. Ein weinendes Kind möchten wir in den Arm nehmen. Ein wütendes Kind bringt uns dagegen schnell selbst an unsere Grenzen. Dabei kann hinter der Wut genau derselbe Schmerz stecken. Petra beschreibt Wut als maskierte Trauer. Ihr eigenes Kind reagierte auf die damalige Trennung eher rebellisch und wütend. Rückblickend konnte Petra erkennen: Diese Wut musste irgendwo hin. Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten erlaubt ist, nur weil euer Kind trauert. Grenzen bleiben Grenzen. Aber es verändert unsere Haltung, wenn wir nicht nur fragen: Warum benimmt sich mein Kind gerade so?, sondern auch: Welches Gefühl könnte hinter diesem Verhalten liegen? Vielleicht richtet sich diese Wut gar nicht gegen dich. Vielleicht bist du lediglich der sichere Ort, an dem sie herauskommen darf.
Trauer braucht einen sicheren Raum
Doch was passiert, wenn euer Kind seine Trauer überhaupt nicht zeigt? Dann lohnt sich eine unbequeme Frage: Gibt es bei uns gerade einen Raum, in dem mein Kind traurig sein darf? Kinder spüren sehr genau, ob Erwachsene ihre Gefühle aushalten können. Wenn Mama selbst kurz vor dem Zusammenbruch steht oder Papa jedes traurige Gefühl sofort wegmachen möchte, kann ein Kind beginnen, seine eigene Trauer zurückzuhalten. Nicht bewusst. Sondern weil es spürt: Hier ist gerade kein Platz dafür. Genau deshalb ist es so wichtig, auch andere Lebensbereiche eures Kindes im Blick zu behalten. Wie verhält es sich in der Kita oder Schule? Was beobachten andere Bezugspersonen? Zeigt euer Kind dort Gefühle, die es zu Hause nicht zeigt? Manchmal braucht es nur einen Erwachsenen, bei dem ein Kind spürt: Hier darf das sein. Dieser Erwachsene kann Mama sein. Papa. Eine Oma. Ein Opa. Oder eine andere sichere Bezugsperson. Entscheidend ist nicht, dass beide Eltern perfekt mit Trauer umgehen können. Entscheidend ist, dass euer Kind einen sicheren Raum dafür findet.
Eure eigene Trauer darf sichtbar sein
Viele Eltern tragen nach einer Trennung einen Glaubenssatz mit sich herum: Ich muss jetzt stark sein. Ich darf vor meinem Kind nicht weinen. Ich muss funktionieren. Natürlich braucht euer Kind euch als Erwachsene. Aber das bedeutet nicht, dass ihr emotionslos sein müsst. Im Gegenteil. Wenn ihr traurig seid und krampfhaft versucht, diese Trauer zu verstecken, spürt euer Kind häufig trotzdem, dass etwas nicht stimmt. Es sieht euren Gesichtsausdruck, hört eure Stimme und nimmt eure Anspannung wahr. Ihr müsst euren Kindern deshalb keine Fassade vorspielen. Ihr dürft sagen: Ich bin gerade traurig, weil sich in unserem Leben viel verändert. Und gleichzeitig braucht es etwas Entscheidendes: Euer Kind muss spüren, dass es nicht für eure Trauer verantwortlich ist. Zeigt ihm, dass ihr euch um euch selbst kümmert. Dass ihr Menschen habt, mit denen ihr sprechen könnt. Dass ihr Dinge kennt, die euch guttun. Die Botschaft lautet nicht: Schau, wie schlecht es mir wegen der Trennung geht. Sondern: Ja, ich bin traurig. Und ich kann für mich sorgen. Du musst mich nicht retten.
Trösten ist nicht dasselbe wie vertrösten
Dieser Unterschied ist für Petra einer der wichtigsten überhaupt. Denn wir Erwachsenen wollen unangenehme Gefühle häufig möglichst schnell beenden. Ein Kind fällt hin, weint und schon kommt: Ist doch nicht so schlimm. Pflaster drauf, weiter gehts. Meist steckt keine böse Absicht dahinter. Wir wollen helfen. Aber manchmal wollen wir vor allem, dass der Schmerz möglichst schnell verschwindet, weil wir selbst ihn schwer aushalten können. Echter Trost funktioniert anders. Er bleibt beim Gefühl. Dein Kind fällt hin und du kannst sagen: Du bist über den Stein gefallen und hast dir dein Knie aufgeschlagen. Das tut gerade richtig weh. Komm her. Du benennst, was passiert ist, und bleibst da. Natürlich darf danach ein Pflaster auf das Knie. Aber nicht, damit das Gefühl endlich weg ist. Genau das lässt sich auf Trennungstrauer übertragen. Wenn euer Kind Papa vermisst, müssen wir nicht sofort sagen: Aber morgen telefonierst du doch mit ihm. Wenn es traurig über die Trennung ist, müssen wir nicht antworten: Aber dafür hast du jetzt zwei Kinderzimmer. Vielleicht braucht es zunächst nur: Ja. Du vermisst Papa gerade. Ich sehe, dass dich das traurig macht. Ich bin da.
Ihr müsst die Trauer eures Kindes nicht reparieren
Das kann für Eltern unglaublich schwer sein. Denn wir wollen, dass es unseren Kindern gut geht. Und gerade wenn wir selbst die Trennung ausgesprochen haben, können zusätzlich Schuldgefühle auftauchen. Dann möchten wir den Schmerz unserer Kinder vielleicht noch schneller wegmachen. Doch euer Kind braucht nicht, dass ihr jedes unangenehme Gefühl beseitigt. Es braucht euch als Erwachsene, die dieses Gefühl mit ihm aushalten können. Ihr dürft Nähe anbieten, zuhören, gemeinsam weinen, malen, Musik machen oder kleine Rituale entwickeln. Petra erzählt im Gespräch von ganz einfachen Dingen, die Trost geben können: ein warmer Tee, ein Lieblingsessen, gemeinsam etwas gestalten oder einen ganz persönlichen Trostgegenstand finden. Es geht nicht darum, Trauer wegzuzaubern. Es geht darum, sie ins Leben zu integrieren und eurem Kind zu vermitteln: Dieses Gefühl darf da sein und du musst da nicht alleine durch.
Fragt eure Kinder, wie es ihnen geht
Nach dem eigentlichen Trennungsgespräch ist das Thema nicht erledigt. Kinder verarbeiten eine Trennung über einen längeren Zeitraum und mit ihrer Entwicklung entstehen immer wieder neue Fragen. Deshalb dürfen Gespräche über die Trennung wiederkommen. Fragt euer Kind: Wie geht es dir gerade damit? Gibt es etwas, das dich beschäftigt? Was vermisst du? Was hilft dir, wenn du traurig bist? Nicht jedes Kind möchte darüber sprechen. Manche Kinder malen lieber, spielen, hören Musik oder drücken Gefühle auf andere Weise aus. Auch das ist okay. Ihr müsst Gefühle nicht aus eurem Kind herausziehen. Bietet den Raum an und bleibt aufmerksam. Ein Kind darf selbst entscheiden, wann es diesen Raum betritt.
Schaut auch auf eure eigene Trauer
Wenn du merkst, dass du die Trauer eures Kindes kaum aushalten kannst, dann lohnt sich der Blick auf dich. Nicht als Vorwurf, sondern weil genau dort häufig etwas Wichtiges liegt. Durftest du selbst als Kind traurig sein? Wie wurde in deiner Familie mit Schmerz umgegangen? Wurdest du getröstet oder eher vertröstet? Musstest du schnell wieder funktionieren? Manchmal berührt die Trauer unserer Kinder genau die Gefühle, für die in unserer eigenen Kindheit kein Platz war. Dann wird es verdammt schwer, einfach nur dazusitzen und auszuhalten. Aber genau hier liegt auch eine Chance. Du kannst heute beginnen, anders damit umzugehen. Für dich und für euer Kind.
Trauer darf mit euch weitergehen
Petra hat am Ende unseres Gesprächs ein wunderschönes Bild genutzt. Sie beschreibt eine Brücke, über die wir mit unserer Angst und unserer Trauer an der Hand gehen können. Manchmal brauchen wir dabei Menschen, die für uns wie ein Geländer sind. Menschen, die uns ein Stück begleiten, bis wir irgendwann selbst weitergehen können. Vielleicht ist genau das auch unsere Aufgabe als Eltern. Wir müssen unseren Kindern die Trauer nicht abnehmen. Wir müssen sie nicht über die Brücke tragen und schon gar nicht dafür sorgen, dass sie niemals traurig sind. Wir können ihr Geländer sein. Wir können da sein, ihre Gefühle ernst nehmen und ihnen zeigen: Du darfst traurig sein. Ich halte das mit dir aus. Und gleichzeitig geht unser Leben weiter. Mit traurigen und mit glücklichen Momenten. Damit euer Kind später sagen kann: Ich hatte eine schöne Kindheit trotz der Trennung meiner Eltern.
Du möchtest euer Kind sicher begleiten?
Vielleicht merkst du gerade, dass euer Kind sich seit der Trennung verändert hat und du nicht genau weißt, was hinter seinem Verhalten steckt. Oder du spürst, dass deine eigene Trauer es dir schwer macht, wirklich Raum für die Gefühle eures Kindes zu halten. Genau da können wir gemeinsam hinschauen. In einem unverbindlichen Kennenlerngespräch schauen wir auf eure aktuelle Situation, auf das Verhalten und die Bedürfnisse eures Kindes und darauf, was du brauchst, um wieder mehr Sicherheit in eure Familie zu bringen. Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, buch dir hier dein Kennenlerngespräch mit mir. Gemeinsam schauen wir, ob und wie ich dich oder euch begleiten kann.